Teenagerin sucht nach Hilfe mit Long Covid Erkrankung

Teenagerin sucht nach Hilfe mit Long Covid Erkrankung

„Mir wurde plötzlich übel und ich war so kraftlos, dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte“. 

Teenager kämpfen mit Long Covid. Jugendliche mit leichten Anfangsinfektionen haben mit verwirrenden, manchmal schwächenden Problemen zu kämpfen

Licia M. versucht sich auf den Biologieunterricht zu konzentrieren, doch es geht ihr nicht gut: Starke Übelkeit macht sich breit, ihr Herz schlägt kräftig, so dass sie den Herzschlag spürt. Erschöpfung überkommt sie wie eine Welle und große Angst. Dem Unterricht folgen? Keine Chance. Licia möchte einfach nur noch raus – nach Hause –weg aus der Situation, weg aus dem Biounterricht, um sich einfach hinlegen zu können

Der Vorfall Ende letzten Jahres war eine von zahlreichen, wiederkehrenden körperlich, wie kognitiven und auch emotionalen Zusammenbrüchen, die die 16-jährige Licia plagen, nachdem sie sich im April 2020 mit dem Corona Virus infiziert hatte.
Zusammen mit Problemen wie Erschöpfung, Kraftlosigkeit, Beinschmerzen und anderen Symptomen versucht sie den Alltag zu meistern und sich  seit Oktober 2021 im Rahmen einer Wiedereingliederung zurück in den Schulalltag zu kämpfen.

Einige von den Jugendlichen mit Long Covid haben anhaltende neurologische, körperliche oder psychiatrische Symptome. Die Dauer sowie der Schweregrad sind sehr unterschiedlich und werden auch von jedem anders empfunden.

Ärzte sagen, dass selbst Jugendliche mit milden oder asymptomatischen Erstinfektionen Langzeitfolgen erleben können - verwirrende, manchmal schwächende Probleme, die ihre schulischen Leistungen, ihren Schlaf, ihre außerschulischen Aktivitäten und andere Aspekte des Lebens beeinträchtigen. Die potenziellen Auswirkungen sind enorm, sie befinden sich in prägenden Jahren und können durch Long Covid leicht ihr Selbstvertrauen verlieren. Es ist eine Abwärtsspirale.

 

Licia, was sind für dich im Alltag die größten Probleme?

„In erster Linie ist es generell schwierig, immer zu Hause sitzen zu müssen und viele Sachen nicht mehr zu können oder sich gar nicht mehr zuzutrauen. Die Situation macht viele Freundschaften kompliziert, weil die Freunde es oft nicht verstehen oder akzeptieren. Ich bin kraftlos und kann mich nicht mit meinen Freunden treffen, was die Freunde aber nicht alle verstehen, denn man sieht mir ja sonst nichts an. Das führt eben auch zu Streit und Ablehnung oder Distanz. Dazu kommen dann die täglichen Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Juckreiz und Schmerzen in den Beinen sowie Halsschmerzen, Konzentrationsschwäche und viele andere Symptome, die auch wechseln.“

 

Wenn du jetzt an diese gesundheitlichen Einschränkungen denkst, was ist dort für dich am schwersten?

„Es für mich am schwersten, überhaupt zu verstehen, was mit mir los ist. Ich habe vor dieser Long Covid Erkrankung sehr viel Sport gemacht. Ich habe Hockey gespielt, war immer aktiv und jetzt ist es einfach so, dass ich einen unsichtbaren „Energiespeicher“ habe, von dem ich das Volumen nicht kenne. Wenn diese Energie aufgebraucht ist, ohne dass der gemeine Unbekannte es mir anzeigt, wann dieser Punkt erreicht ist, kann es sein, dass es mir schlechter geht. Vielleicht sofort oder einen Tag später. Das ist sehr schwer zu verstehen und auch wirklich kompliziert, damit zurechtzukommen.“

 

Wie arrangierst du dich damit?

„Ich führe ein komplett anderes Leben als Jugendliche mit 16. Ich kümmere mich an erster Stelle um mich und meine Gesundheit. Ich versuche mich gut zu ernähren und informiere mich, wie eine gesunde Ernährung überhaupt aussieht. Da unterstützt mich meine Familie sehr. Ich musste mich damit abfinden, dass ich nichts mehr planen kann. Das ist mir auch sehr schwergefallen, denn ich musste akzeptieren, nur noch sehr kleine Schritte zu machen und praktisch auf alles zu verzichten. Keine Hobbies, keine Freizeitaktivitäten mit Freunden, keine sportlichen Einheiten. Stattdessen haben meine Familie und ich im Internet nach etwas gesucht, was mir hilft, dosiert etwas Gutes für mich und meinen Körper zu tun. Es sind so viele neue Begriffe, die rund um diese Long Covid Erkrankung fallen, da bedarf es wirklich einer Erklärung und Hilfe, was das alles für mich bedeutet und ich wollte so gut es geht verstehen, was da in meinem Körper passiert, um die Angst, die mir diese ganze Erkrankung macht, so klein wie möglich zu halten.“

 
Das Problem bei Long Covid ist, dass es keine einheitliche Definition gibt.
 
Zu den häufigen Symptomen gehören sensorische Probleme wie Geruchs- und Geschmacksverlust, Hirnnebel und Herz-Atem-Symptome. Kinder neigen jedoch zu leicht abweichenden Symptomen. Aufgrund dieser Abweichung werden diese Symptome manchmal mit Skepsis betrachtet. Ist es nur Angst? Ängstliche Eltern?"
Dieser Unglaube kann sich bis zu Lehrern, Sozialarbeitern und sogar medizinischen Fachleuten erstrecken und den Stress und die Ungewissheit im Leben eines Teenagers mit Long  Covid noch verstärken.
 

Licia, der Beginn deiner Symptome ist nun über 1 Jahr her. Wie geht es dir heute?

"Mein Energielevel schwankt immer noch stark von Tag zu Tag aber ich habe akzeptiert, dass es so ist und habe gelernt, damit umzugehen. Das hilft mir sehr. Im letzten Jahr habe ich einen online Mutmacher Kurs bei Dr. Mareike Schwed begonnen, der mich bis heute aktiv begleitet und stärkt. In einer 3 monatigen Schulung habe ich gelernt, wie ich mit Dingen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Hirnnebel, Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen und meiner ständigen Erschöpfung besser umgehen kann. Es war so hilfreich, nicht mehr im Internet suchen zu müssen, sondern gezielt Tag für Tag kleine Einheiten zu erhalten, die mir einfach gut getan haben. Ich habe auch viel gelacht in dem Kurs, weil ich meinen Frust wie im Theater rauswürgen durfte oder meine Last durch „komische“ Atem- Seufz Geräusche ausdrücken durfte. Zuerst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber es hat mich auf meinem Weg begleitet und mir sehr geholfen, nicht komplett den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich bin mir durch die Teilnahme an diesem Kurs ein Stück näher gekommen, weil ich viele meiner Verhaltensweisen überdacht habe."

 

Wie lief der Kurs genau ab?

„Es gibt jeden Tag ein kleines Video, was man sich gut anschauen und mitmachen kann. Ich habe es immer als Starter in den Tag gesehen und schaue mir einige Sequenzen immer wieder gern an, um sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es ging um den Vagus Nerv, seine Funktion und die Verbindung zu Long Covid, ich habe viel über Atmung und die Ursache einiger Symptome gelernt und ein ganz großes erstes Thema am Anfang war das Pacing, was glaube ich fast mit am wichtigsten für mich ist, um meine Situation nicht zu verschlimmern. Ich führe jetzt ein Ernährungstagebuch und einen Plan über meine Aktivitäten, um zu erkennen, was meinem „System“ gut tut oder schadet.

Die kleinen Bewegungsübungen pro Tag haben etwas in mir stimuliert, was von Dr. Schwed immer gut erklärt wird in diesem Film und was auch Spaß macht. Was ich gelernt habe ist, dass ganz einfache Dinge wie „liebe Menschen um sich zu haben“ oder „etwas kleines für sich zu tun“ schon etwas auf dem Genesungsbarometer verändern können. In wöchentlichen Zoom Meetings fühlte ich mich dann sehr gut aufgehoben, weil ich Zeit bekommen habe,  zu berichten, wie es mir geht und wie die Woche mit dem Kurs verlaufen ist. Auch Fragen finden hier Platz und werden beantwortet.“

 

Vieles an Long Covid bleibt rätselhaft. Ein Teil dessen, was passieren kann, ist, dass man sich schlecht fühlt und deshalb den ganzen Tag sitzt oder liegt. Man wird unfit und gerät in einen Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder herauskommt.
Bewegung oder Sport – so könnte man meinen – sei eine hilfreiche Methode, um seinen Körper wieder aufzubauen und auch der Psyche etwas Gutes zu tun.
Doch der Körper reagiert durch zu hohe körperliche, geistige und mentale Anstrengung mit erneuten Symptomen – wie es Licia eingangs beschreibt. Dieses aufflammen der Krankheitssymptome nach Anstrengung ist von anderen Viruserkrankungen bekannt. Unter dem Namen PEM (Post-Exertional Malaise) wird unter Betroffenen die typische Verschlechterung der Symptomatik nach körperlicher und geistiger Aktivität bezeichnet. Es handelt sich um einen „Crash“, der eine erneute hohe Belastung für das Immunsystem und die körpereigenen Energielieferanten darstellt. Sie sind unbedingt zu vermeiden. Daher kann man niemanden einfach zurück ins Training schicken, zurück in die normale schulische wie berufliche Belastung und in einen „normalen Alltag“, weil man dann einen Schritt vor und zwei zurück macht.
 

Vielen Dank Licia, für deine Offenheit und das Interview. Ich wünsche dir alles Gute.

 

 

 

ÜBER DIE AUTORIN

Autor

Dr Mareike Schwed

Dr. Mareike Schwed ist Sportwissenschaftlerin und Gründerin der neurowerkstatt, des Neuro-Trainings- und Schulungszentrums im Rhein-Main Gebiet sowie europaweit im Onlineformat.
Im Laufe ihrer Forschungstätigkeiten und der permanenten Weiterentwicklung einer optimalen sportlichen Trainingsgestaltung für Menschen mit Parkinson, Multiple Sklerose u.a. entwickelte Sie das „Neuroprotektive Exercise Protokoll“ (NEP) für Menschen mit neurologischer Erkrankung. 

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